Skip to content
ETF Guide – 9/9

Endlich pensioniert: Vorbereitung und Entnahme

So, du hast nun über viele Jahre ein ETF-Portfolio aufgebaut, und jetzt rückt die Pensionierung näher. Herzliche Gratulation! Jetzt beginnt eine neue Phase. Gerade kurz vor oder während der Pension verträgst du Börsen-Rücksetzer nicht mehr so gut wie in den jungen Jahren: Du möchtest von deinen ETFs «zehren» und nicht bei einem Börsencrash verkaufen müssen (Sequence-of-Returns Risiko). Vor und während deiner Pension geht es deshalb nicht mehr um Vermögenszuwachs, sondern vor allem darum, dein Kapital zu schützen. Aber was gibt es für Strategien?

Wichtiger Hinweis: Jede Situation ist individuell. Berücksichtige bei deiner Planung deine persönlichen Lebenskosten und lasse auch AHV, Pensionskasse, Säule 3a und ggf. weitere Einkommen einfliessen. So weisst du, wie viel Geld dir dein ETF-Portfolio überhaupt liefern muss. Diese Seite ersetzt keine unabhängige Finanzberatung.

Keine Anlageberatung. Dieser Beitrag dient nur der Information und spiegelt meine persönliche Meinung wider.

Portfolio anpassen vor der Pension

Bevor du überhaupt ans Entnehmen denkst, lohnt sich ein Blick auf deine Aktienquote. Bei mehr als 10 Jahren bis zur Pension ist ein reines Aktienportfolio meist völlig in Ordnung – Aktien bieten hohe Renditen, bergen aber auch höheres Risiko. Je näher die Entnahme rückt, desto sinnvoller wird es, den Aktienanteil schrittweise zu reduzieren und in stabilere Anlagen wie Anleihen umzuschichten.

Als grobe Orientierung, basierend auf dem verbleibenden Zeitraum bis zur Pension:

Jahre bis PensionAktienanteil
10+ Jahre90%-100%
5-10 Jahre70%-90%
1-5 Jahre50%-70%
Pension40%-60%

Wichtig: Nicht zu früh umschichten. Diese Prozentsätze sind Richtwerte – konservative Anleger:innen können früher und stärker reduzieren, risikofreudige später oder überhaupt nicht.

Umschichten ist nämlich keine Pflicht. Wer genügend Flexibilität besitzt, seine Ausgaben in schlechten Börsenjahren zu reduzieren, oder andere Einnahmequellen wie AHV oder Pensionskasse hat, braucht möglicherweise deutlich weniger defensive Anlagen und kann durchaus mit einem hohen Aktienanteil in die Pension gehen. Das deckt sich sogar mit historischen Analysen: Die Trinity-Studie, die die 4%-Regel untersuchte, zeigt, dass Portfolios mit hohem Aktienanteil im Schnitt sogar besser abschnitten als anleihenlastige Mischportfolios. Auch wer zum grossen Teil von Dividenden lebt, möchte den Aktienanteil vermutlich nicht reduzieren. Das Umschichten in diesem Artikel ist deshalb eher für alle gedacht, die mehr Sicherheit möchten.

Neben der schrittweisen Reduktion des Aktienanteils kann auch ein höherer Anteil an Anlagen in Schweizer Franken sinnvoll sein, um das direkte Währungsrisiko während der Entnahmephase zu reduzieren.

Die vollständige Herleitung, konkrete Anlageklassen für die Umschichtung sowie die Vorbereitung auf die Bucket-Strategie zeige ich im Detail in Portfolio vor der Pension umschichten.

Entnahmestrategien: Wie viel darfst du jährlich entnehmen?

Sobald du pensioniert bist, stellt sich die nächste Frage: Wie viel darfst du jährlich aus deinem Depot entnehmen, ohne dass dir das Geld ausgeht? Es gibt dafür mehrere bewährte Ansätze:

  • 4%-Regel (fix): Du entnimmst im ersten Jahr 4% deines Depotwerts und passt den Betrag danach an die Inflation an. Planbar, aber starr.
  • Dynamische Entnahme: Ein fixer Prozentsatz vom aktuellen Depotwert statt vom Startwert – schont dein Depot in schwachen Marktphasen.
  • Dividendenstrategie: Du lebst nur von den Ausschüttungen, das Grundinvestment bleibt unangetastet – dafür bestimmst du Höhe und Zeitpunkt nicht selbst.
  • Restlaufzeit-Methode: Du teilst dein Vermögen auf eine geplante Anzahl Jahre auf – gut geeignet für befristete Zeiträume, z.B. als Überbrückung bis zum AHV-Bezug, oder wenn du dein Depot gezielt leeren möchtest.
  • Guardrails (Guyton-Klinger): Eine flexible Variante der 4%-Regel mit «Leitplanken»: Bei starken Kursrückgängen wird die Entnahme automatisch gekürzt, bei guten Börsenjahren darfst du mehr entnehmen.

Und viele mehr. Einige Strategien mit Vor- und Nachteilen findest du im Detail unter ETF-Entnahme: Welche Strategien gibt es?.

Eine unabhängige, zusätzliche Entscheidung ist die Bucket-Strategie: Sie beantwortet nicht «wie viel», sondern «aus welchem Topf zuerst». Du teilst dein Portfolio nach Zeithorizont auf – z.B. Cash für 0-3 Jahre, Anleihen (allenfalls auch Gold) für 3-10 Jahre, Aktien-ETFs für 10+ Jahre – und entnimmst zuerst aus dem kurzfristigen Topf, den du nach guten Börsenphasen aus dem Aktien-Topf, nach schlechteren aus dem Anleihen-Topf auffüllst. Sie lässt sich mit jeder der obigen Methoden kombinieren.

Welche Strategie passt zu dir?

Keine Strategie ist in allen Punkten perfekt. Jede erkauft sich ihre Vorteile durch Kompromisse an anderer Stelle:

StrategiePlanbarkeitKapitaleffizienzAufwand
4%-RegelHochMittelGering
Dynamische EntnahmeGeringHochGering
DividendenstrategieMittelGeringGering
Restlaufzeit-MethodeHoch *MittelGering
GuardrailsMittelHochMittel

* Bei der Restlaufzeit-Methode ist der Zeitpunkt der vollständigen Entleerung planbar – der jährliche Auszahlungsbetrag selbst kann je nach Marktentwicklung trotzdem schwanken.

Die Kapitaleffizienz sagt aus, wie gut dein Vermögen «ausgeschöpft» wird. Eine hohe Effizienz bedeutet, dass du bei gleichem Sicherheitsniveau mehr entnehmen kannst bzw. am Lebensende mit weniger ungenutztem Restvermögen dastehst.

Willst du maximale Planbarkeit und ein konstantes Einkommen, bist du mit der 4%-Regel oder der Restlaufzeit-Methode gut bedient. Willst du dein Kapital möglichst lange erhalten und kannst mit schwankenden Beträgen leben, sind dynamische Entnahme oder Guardrails die effizientere Wahl. Die Bucket-Strategie eignet sich vor allem, wenn dir psychologische Sicherheit wichtig ist – du musst nie in einem Crash verkaufen, auch wenn sie rechnerisch nicht immer die effizienteste Lösung ist.

Eine grundsätzliche Frage, die über die einzelnen Methoden hinausgeht: Willst du dein Kapital möglichst erhalten (z.B. um zu vererben), oder darf es am Lebensende bewusst aufgebraucht sein? Bill Perkins prägte für Letzteres mit seinem Buch «Die with Zero» den Gedanken, dass ungenutztes Vermögen verschenkte Lebensqualität ist. Wer dieser Philosophie folgt, plant bewusst mit der Restlaufzeit-Methode statt mit kapitalerhaltenden Ansätzen. Aber auch Guardrails passt in dieses Bild: Steigt dein Depotwert deutlich, erlaubt dir die obere Leitplanke, mehr zu entnehmen. Auch hier bleibt dein Vermögen also weniger stark «liegen», als wenn du starr an einer tiefen, sicherheitsorientierten Entnahmerate festhältst.

Fazit

Die Jahre vor und während der Pension erfordern einen Perspektivenwechsel: Weg vom Vermögensaufbau, hin zum Vermögensschutz. Bist du sicherheitsorientiert, reduziere deine Aktienquote rechtzeitig – als Faustregel ab rund 10 Jahren vor der Pension – und wähle eine Entnahmestrategie, die zu deinem Bedürfnis nach Planbarkeit oder Flexibilität passt. Berücksichtige dabei immer deine Lebenskosten und deine anderen Einkommensquellen wie AHV, Pensionskasse, Säule 3a oder Nebeneinkommen, denn sie bestimmen, wie viel du tatsächlich aus deinem ETF-Depot entnehmen musst.

Veröffentlicht: 14.07.2026
Zuletzt aktualisiert: 25.08.2026

Jo Frischknecht, Autor von ETF Schweiz

Hi, ich bin Jo, Autor von ETFSchweiz.ch

Ich helfe dir, stressfrei mit ETFs zu investieren – perfekt, wenn du von der Börse profitieren willst, aber nichts mit Aktienanalysen zu tun haben möchtest. Als Privatanleger teile ich auf ETFSchweiz.ch, was ich über Jahre beim Investieren gelernt habe. Folge mir auch auf Instagram: @etfschweiz.ch