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Endlich pensioniert: Vorbereitung und Entnahme

Während der Ansparphase finde ich es völlig vertretbar, auf 100% Aktien zu setzen. Sie haben historisch die höchste Rendite, können aber auch extrem schwanken. Gerade kurz vor oder während der Pension verträgst du Börsen-Rücksetzer nicht mehr so gut wie in den jungen Jahren: Du möchtest von deinen ETFs «zehren» und nicht bei einem Börsencrash verkaufen müssen (Sequence-of-Returns Risiko). In den Jahren vor und während deiner Pension geht es deshalb nicht mehr um Vermögenszuwachs, sondern vor allem darum, dein Vermögen zu schützen. Aber was gibt es für Strategien?

Wichtiger Hinweis: Jede Situation ist individuell. Berücksichtige bei deiner Planung deine persönlichen Lebenskosten und lasse auch AHV, Pensionskasse, Säule 3a und ggf. weitere Einkommen einfliessen. Diese Seite ersetzt keine Beratung durch einen unabhängigen Vermögensberater.

Portfolio anpassen vor der Pension

Bevor du überhaupt ans Entnehmen denkst, lohnt sich ein Blick auf deine Aktienquote. Bei mehr als 10 Jahren bis zur Pension ist ein reines Aktienportfolio meist völlig in Ordnung – Aktien bieten hohe Renditen, bergen aber auch höheres Risiko. Je näher die Entnahme rückt, desto sinnvoller wird es, den Aktienanteil schrittweise zu reduzieren und in stabilere Anlagen wie Anleihen oder Gold umzuschichten.

Als grobe Orientierung, basierend auf dem verbleibenden Zeitraum bis zur Pension:

Jahre bis PensionAktienanteil
10+ Jahre90%-100%
5-10 Jahre70%-90%
1-5 Jahre50%-70%
Pension40%-55%

Wichtig: Nicht zu früh umschichten. Diese Prozentsätze sind Richtwerte – konservative Anleger:innen können früher und stärker reduzieren, risikofreudige später.

Die vollständige Herleitung, konkrete Anlageklassen für die Umschichtung sowie die Vorbereitung auf die Bucket-Strategie zeige ich im Detail in Portfolio vor der Pension umschichten.

Entnahmestrategien: Wie viel darfst du jährlich entnehmen?

Sobald du pensioniert bist, stellt sich die nächste Frage: Wie viel darfst du jährlich aus deinem ETF-Depot entnehmen, ohne dass dir das Geld ausgeht? Es gibt dafür mehrere bewährte Ansätze:

  • 4%-Regel (fix): Du entnimmst im ersten Jahr 4% deines Depotwerts und passt den Betrag danach an die Inflation an. Planbar, aber starr.
  • Dynamische Entnahme: Ein fixer Prozentsatz vom aktuellen Depotwert statt vom Startwert – schont dein Depot in schwachen Marktphasen.
  • Dividendenstrategie: Du lebst nur von den Ausschüttungen, das Grundinvestment bleibt unangetastet – dafür bestimmst du Höhe und Zeitpunkt nicht selbst.
  • Restlaufzeit-Methode: Du teilst dein Vermögen auf eine geplante Anzahl Jahre auf – gut geeignet für befristete Zeiträume, z.B. als Überbrückung bis zum AHV-Bezug.
  • Guardrails (Guyton-Klinger): Eine flexible Variante der 4%-Regel mit «Leitplanken» – bei starken Kursrückgängen wird die Entnahme automatisch gekürzt, bei guten Börsenjahren darfst du mehr entnehmen.

Alle fünf Strategien mit Vor- und Nachteilen im Detail in ETF-Entnahme: Welche Strategien gibt es?

Welche Strategie passt zu dir?

Keine Strategie ist in allen Punkten perfekt – jede erkauft sich ihre Vorteile durch Kompromisse an anderer Stelle:

StrategiePlanbarkeitKapitaleffizienzAufwand
4%-RegelHochMittelGering
Dynamische EntnahmeGeringHochGering
DividendenstrategieMittelGeringGering
Restlaufzeit-MethodeHochMittelGering
GuardrailsMittelHochMittel
Bucket-StrategieMittelMittelHoch

Willst du maximale Planbarkeit und ein konstantes Einkommen, bist du mit der 4%-Regel oder der Restlaufzeit-Methode gut bedient. Willst du dein Kapital möglichst lange erhalten und kannst mit schwankenden Beträgen leben, sind dynamische Entnahme oder Guardrails die effizientere Wahl. Die Bucket-Strategie eignet sich vor allem, wenn dir psychologische Sicherheit wichtig ist – du musst nie in einem Crash verkaufen, auch wenn sie rechnerisch nicht immer die effizienteste Lösung ist.

Eine grundsätzliche Frage, die über die einzelnen Methoden hinausgeht: Willst du dein Kapital möglichst erhalten (z.B. um zu vererben), oder darf es am Lebensende bewusst aufgebraucht sein? Bill Perkins prägte für Letzteres mit seinem Buch «Die with Zero» den Gedanken, dass ungenutztes Vermögen verschenkte Lebensqualität ist. Wer dieser Philosophie folgt, plant bewusst mit der Restlaufzeit-Methode statt mit kapitalerhaltenden Ansätzen wie der Bucket-Strategie.

Fazit

Die Jahre vor und während der Pension erfordern einen Perspektivenwechsel: weg vom Vermögensaufbau, hin zum Vermögensschutz. Reduziere deine Aktienquote rechtzeitig – als Faustregel ab rund 10 Jahren vor der Pension – und wähle eine Entnahmestrategie, die zu deinem Bedürfnis nach Planbarkeit oder Flexibilität passt. Berücksichtige dabei immer deine anderen Einkommensquellen wie AHV, Pensionskasse und Säule 3a, denn sie bestimmen, wie viel du tatsächlich aus deinem ETF-Depot entnehmen musst.

Häufig gestellte Fragen

Wann sollte ich anfangen, meine Aktienquote vor der Pension zu reduzieren?

Als Faustregel rund 10 Jahre vor der geplanten Pension. Wer bereits durch AHV und Pensionskasse gut abgesichert ist, kann beim Rest seines Vermögens auch länger aggressiver bleiben.

Was ist die 4%-Regel?

Eine Entnahmestrategie, bei der du im ersten Pensionsjahr 4% deines Depotwerts entnimmst und den Betrag danach jährlich an die Inflation anpasst. Sie basiert auf historischen Analysen wie der Trinity-Studie.

Was ist die Bucket-Strategie?

Eine Aufteilung deines Vermögens in drei «Töpfe» nach Zeithorizont: Cash für 0-3 Jahre, Anleihen für 3-10 Jahre, Aktien-ETFs für 10+ Jahre. So musst du in einem Börsencrash nie Aktien verkaufen.

Was ist das Sequence-of-Returns-Risiko?

Das Risiko, dass ein Börsencrash kurz vor oder zu Beginn deiner Entnahmephase dein Portfolio dauerhaft schwächt – selbst wenn sich die Märkte später erholen. Deshalb ist die Reihenfolge der Renditen entscheidend, nicht nur die Durchschnittsrendite.

Muss ich mich für nur eine Entnahmestrategie entscheiden?

Nein. Viele kombinieren Ansätze – zum Beispiel eine Bucket-Struktur für die Liquiditätsplanung mit Guardrails für die tatsächliche Entnahmehöhe.

Sollte ich mein Vermögen komplett aufbrauchen oder erhalten?

Das ist eine persönliche Grundsatzfrage, keine rein finanzielle. Wer nichts vererben möchte, kann bewusst mit der Restlaufzeit-Methode planen und sein Vermögen bis zum Lebensende aufbrauchen – ein Gedanke, den Bill Perkins in seinem Buch «Die with Zero» populär gemacht hat. Wer Wert auf Vererbung oder ein Sicherheitspolster legt, fährt besser mit kapitalerhaltenden Ansätzen wie der Bucket-Strategie oder der klassischen 4%-Regel.

Was passiert, wenn ich meine Lebenserwartung falsch einschätze?

Das ist das grösste Risiko bei der Restlaufzeit-Methode: Lebst du länger als geplant, ist dein Vermögen vorzeitig aufgebraucht. Deshalb eignet sich diese Methode besonders für befristete Zeiträume mit bekanntem Enddatum (z.B. Überbrückung bis zum AHV-Bezug), weniger für die gesamte Pensionsdauer. Wer diesem Risiko aus dem Weg gehen will, kombiniert sie oft mit einer garantierten Grundabsicherung aus AHV und Pensionskasse.

Kann ich meine Entnahmestrategie später noch ändern?

Ja. Deine Entnahmestrategie ist keine einmalige, unumkehrbare Entscheidung wie z.B. der Rentenentscheid bei der Pensionskasse. Viele passen ihre Strategie im Lauf der Pension an veränderte Bedürfnisse, Gesundheit oder Marktlage an – zum Beispiel von der 4%-Regel zu Guardrails, sobald sie merken, dass ihnen mehr Flexibilität wichtiger ist als absolute Planbarkeit.

Brauche ich zwingend Anleihen-ETFs für die Bucket-Strategie?

Nicht zwingend, aber es ist die gängigste Umsetzung. Alternativ kannst du den mittelfristigen Topf auch mit Festgeld, Kassenobligationen oder einer Kombination aus Anleihen und etwas Gold füllen. Wichtig ist nur, dass diese Anlageklasse deutlich weniger schwankt als Aktien, damit sie ihre Pufferfunktion erfüllen kann.

Veröffentlicht: 14.07.2026

Jo Frischknecht, Autor von ETF Schweiz

Hi, ich bin Jo, Autor von ETFSchweiz.ch

Ich helfe dir, stressfrei mit ETFs zu investieren – perfekt, wenn du von der Börse profitieren willst, aber nichts mit Aktienanalysen zu tun haben möchtest. Als Privatanleger teile ich auf ETFSchweiz.ch, was ich über Jahre beim Investieren gelernt habe. Folge mir auch auf Instagram: @etfschweiz.ch