Veröffentlicht: 24.02.2026
Zuletzt aktualisiert: 25.02.2026
Viele Anleger schwören auf Dividenden. Sie fühlen sich an wie gratis Geld aus dem Depot. Andere entnehmen ihr Geld, indem sie einfach Anteile verkaufen. Aber was ist besser? Die Antwort überrascht viele: Es kommt auf dasselbe heraus.
Was ist überhaupt eine Dividende?
Unternehmen machen Gewinn. Einen Teil dieses Gewinns können sie an ihre Aktionäre ausschütten. Diese Zahlung nennt sich Dividende. Als ETF-Anleger besitzt du viele Aktien auf einmal. Wenn diese Unternehmen Dividenden zahlen, gibt ein ausschüttender ETF dieses Geld an dich weiter.
Klingt gut, oder? Geld, das einfach so aufs Konto kommt – quasi gratis, ohne dass du etwas verkaufen musst, und deine Anteile erwirtschaften weiterhin Zinseszins für dich. Aber lass uns das genauer anschauen.
Was passiert am Tag der Dividende?
Stell dir vor, du hast eine Tasse Wasser. Du schüttest etwas davon in ein zweites Glas. Du hast jetzt zwei Behälter – aber gleich viel Wasser.
Genau das passiert bei einer Dividende. Am sogenannten Ex-Dividenden-Tag – also dem Tag, an dem die Dividende ausgezahlt wird – landet der Betrag in Cash auf deinem Konto. Gleichzeitig fällt der Wert des ETFs um denselben Betrag.
Beispiel: Du hast 100 Anteile à 100 CHF. Der ETF schüttet 4 CHF Dividende pro Anteil aus. Am nächsten Tag kostet der Anteil noch 96 CHF, dafür hast du 100 x 4 CHF Dividenden erhalten.
Dein Gesamtvermögen hat sich nicht verändert.
Vorher: 100 × 100 CHF im ETF = 10’000 CHF
Nachher: 100 × 96 CHF im ETF + 400 CHF Cash = 10’000 CHF
Das Geld hat nur den Behälter gewechselt. Es ist nicht neu entstanden.
Und beim Verkauf von Anteilen?
Jetzt verkaufst du statt Dividenden zu kassieren einfach 4 Anteile à 100 CHF, also Total 400 CHF.
Vorher: 100 × 100 CHF im ETF = 10’000 CHF
Nachher: 96 × 100 CHF im ETF + 400 CHF Cash = 10’000 CHF
Das ist exakt dasselbe.
Aber ich habe jetzt weniger Anteile!
Du denkst jetzt: Nach dem Verkaufen von Anteilen stoppe ich den Zinseszinseffekt. Diese Anteile erwirtschaften keine neuen Renditen mehr.
Die Anzahl Anteile ist bei dieser Rechnung aber irrelevant. Die Rendite arbeitet in Prozent deines Vermögens.
Mit Dividende (Szenario A): 100 Anteile × 96 CHF = 9’600 CHF im ETF
Nach Verkauf (Szenario B): 96 Anteile × 100 CHF = 9’600 CHF im ETF
Gleich viel Kapital arbeitet für dich weiter. Die Anzahl Anteile ist egal. Der Wert entscheidet.
Aber nächstes Mal bekomme ich mehr Dividende – ich habe ja mehr Anteile!
Das stimmt. Aber es gleicht sich aus. Schauen wir uns die nächste Runde an.
Nach Runde 1 stehen beide Szenarien so da:
Szenario A: 100 Anteile × 96 CHF = 9’600 CHF im ETF
Szenario B: 96 Anteile × 100 CHF = 9’600 CHF im ETF
Wir vereinfachen und nehmen an, dass der ETF noch denselben Wert hat und wiederum 4 CHF Dividende pro Anteil ausschüttet.
Szenario A – Dividende kassiert:
Wir haben noch 100 Anteile.
- Dividende: 100 × 4 CHF = 400 CHF
- Kurs fällt von 96 auf 92 CHF → ETF-Wert: 100 × 92 CHF = 9’200 CHF
- Total: 9’200 + 400 = 9’600 CHF
Szenario B – Anteile verkauft:
Wir haben noch 96 Anteile und verkaufen wieder 4 Anteile im Wert von Total 400 CHF.
- Verkauf von 4 Anteilen à 100 CHF = 400 CHF
- ETF-Wert: 92 × 100 CHF = 9’200 CHF
- Total: 9’200 + 400 = 9’600 CHF
In Szenario A bekommst du die 400 CHF automatisch als Dividende. In Szenario B verkaufst du erneut Anteile für denselben Betrag. Das Gesamtvermögen ist identisch – du hast in Szenario B einfach weniger Anteile, dafür haben diese ihren Wert behalten.
Aber dann habe ich irgendwann keine Anteile mehr!
In der Theorie, ja. In der Praxis gewinnen deine Anteile an Wert. Für dieselbe Entnahme musst du also mit der Zeit immer weniger Anteile verkaufen. Solange deine Entnahmerate unter der langfristigen Rendite liegt, schrumpft dein Vermögen nicht auf 0.
Was ist dann der echte Unterschied?
Mathematisch keiner – abgesehen von Transaktionsgebühren und Stempelsteuer beim Verkauf. Aber praktisch gibt es weitere Unterschiede bzw. spezifische Vor- und Nachteile.
Dividenden kassieren
Vorteile
- Cash kommt automatisch – kein aktiver Entscheid nötig
- Psychologisch angenehm – fühlt sich nach Einkommen an, nicht nach Verkauf
Nachteile
- Zeitpunkt und Betrag sind vorgegeben – du hast keine Kontrolle
- Dividenden sind steuerpflichtiges Einkommen
Anteile verkaufen
Vorteile
- Du bestimmst selbst, wann und wie viel du entnimmst
- Kursgewinne sind für Privatanleger in der Schweiz steuerfrei
Nachteile
- Du musst aktiv verkaufen – mehr Aufwand
- Psychologisch schwieriger: «Ich verkaufe meine Anteile» fühlt sich nach Verlust an – obwohl das Ergebnis identisch ist
- Beim Verkauf fallen Transaktionsgebühren und Stempelsteuer an
Hinweis: In der Schweiz sind Kapitalgewinne für Privatanleger steuerfrei. Dividenden hingegen gelten als Einkommen und sind steuerpflichtig – unabhängig davon, ob ein ETF ausschüttend ist oder die Erträge automatisch reinvestiert (thesaurierend).
Fazit
Dividenden fühlen sich an wie kostenloses Geld, aber das sind sie nicht. Der Kurs des ETFs fällt um genau den Betrag, der dir ausgeschüttet wird. Du hast danach gleich viel Vermögen wie vorher – nur in einer anderen Form.
Verkaufst du stattdessen Anteile, ist das Ergebnis identisch. Entscheidend ist nie die Anzahl Anteile. Entscheidend ist immer der Gesamtwert deines Vermögens, und dieses bleibt in beiden Szenarien gleich.
Einen Unterschied macht es nur, wenn du gezielt auf eine hohe Dividendenrendite setzt, um mehr Einkommen zu generieren. Denn dadurch zahlst du mehr Steuern. Besser wäre es, einen ETF mit tieferer Dividendenrendite, dafür höherem Wachstum zu wählen. Wenn du dann Anteile verkaufst, ist das Kursgewinn, den du in der Schweiz nicht versteuerst. Für die Entnahmephase ist das daher die bessere Wahl.
Wer bereits in der Aufbauphase auf einen thesaurierenden ETF setzt und bei dieser Strategie bleibt, muss später nicht in ausschüttende ETFs umschichten und hat langfristig die Nase vorn – steuerlich und kostentechnisch.