Veröffentlicht: 10.12.2025
Zuletzt aktualisiert: 26.05.2026
Viele möchten aus Überzeugung «nachhaltig» investieren. Mit ESG ETFs ist das möglich: Kein Öl, keine Waffen, keine Tabakriesen. Tönt super – aber die Realität ist etwas weniger sauber.
ESG, Screened, SRI – was steckt dahinter?
ESG ETFs filtern Unternehmen nach Nachhaltigkeitskriterien:
- E (Environmental): Umweltschutz, CO2-Emissionen, Ressourcenverbrauch
- S (Social): Arbeitsbedingungen, Menschenrechte, Diversität
- G (Governance): Unternehmensführung, Korruptionsbekämpfung, Transparenz
Index-Herausgeber unterscheiden dabei verschiedene Ansätze. Bei MSCI sind es unter anderem (vom mildesten zum strengsten):
- ESG Screened: Klassisches Ausschlussprinzip. Themen wie kontroverse Waffen (inkl. Nuklearwaffen und Zivilwaffen), Tabak, Thermalkohle, Palmöl, Ölsande und arktisches Öl/Gas werden ausgeschlossen, ebenfalls Firmen, die gegen die UN Global Compact Prinzipien verstossen. Der Index behält so noch über 90% des ursprünglichen Universums – also sehr breite Diversifikation mit Basisfiltern.
- ESG Leaders: Best-in-Class-Ansatz. Nur die besten 50% der Unternehmen pro Branche (nach ESG-Rating) werden aufgenommen. Etwa halb so viele Unternehmen wie im Standard-Index.
- SRI (Socially Responsible Investing): Der strengste Ansatz. Nur die besten 25% pro Branche und Region werden selektiert (Mindestrating: A). Zusätzlich umfassende Ausschlüsse beinhalten Tabak, Alkohol, Glücksspiel, Waffen, Nuklearenergie, Gentechnik, Thermalkohle, Erwachsenenunterhaltung und mehr. Vom MSCI World (ca. 1’300 Titel) bleiben nur etwa 400 übrig.
- SRI Filtered PAB: Kombiniert die strenge SRI-Selektion mit Klimazielen des Pariser Abkommens (50% CO₂-Reduktion, jährlich 7% Dekarbonisierung). Die strengste verfügbare Standard-Variante von MSCI.
Das klingt alles sinnvoll – aber zeigt auch: Nur, weil ESG drauf steht, ist ein ETF nicht unbedingt nachhaltig. Es gibt keinen einheitlichen Standard und ESG ist kein geschützter Begriff. Jeder Anbieter definiert selbst, was er darunter versteht. Ausserdem messen ESG-Ratings meist nur das Risikomanagement und Reporting eines Unternehmens, nicht den tatsächlichen positiven Einfluss auf Umwelt oder Gesellschaft (mehr dazu später).
ESG ist nicht unbedingt wirklich nachhaltig
Wenn wir uns einmal die Top-Positionen vieler ESG ETFs anschauen, fällt auf, dass da oft Firmen zuoberst sind, die nicht unbedingt «sauber» im klassischen Sinne sind:
- Tesla (energieintensive Produktion, problematische Lieferketten, Kritik an Arbeitsbedingungen)
- Amazon (hoher Ressourcenverbrauch, Diskussionen um Arbeitsbedingungen)
- Microsoft (Kooperationen mit Öl- und Gaskonzernen über Cloud- und Datenlösungen)
Warum? Weil viele ESG ETFs den «Best-in-Class»-Ansatz nutzen: Sie nehmen die «besten» Unternehmen aus jeder Branche – auch wenn die Branche selbst problematisch ist.
ESG misst nicht, was du denkst
Das wird dich vielleicht überraschen, aber: ESG-Ratings messen nicht, wie nachhaltig ein Unternehmen handelt. Sie messen, wie sehr ein Unternehmen von ESG-Risiken betroffen ist und wie gut es diese managt.
Das ist ein riesiger Unterschied. ESG beantwortet nicht die Frage: «Wie viel Gutes tut dieses Unternehmen für die Welt?» Sondern: «Wie stark könnten Umwelt-, Sozial- oder Governance-Probleme diesem Unternehmen schaden?»
Ein Unternehmen kann also ein starkes ESG-Rating haben, ohne besonders «grün» zu sein – einfach weil es Risiken sauber dokumentiert, Prozesse klar regelt und entsprechende Standards einhält. Umgekehrt kann ein kleines, wirklich nachhaltig arbeitendes Unternehmen schlecht abschneiden, weil es weniger Ressourcen für Reporting, Audits und Compliance-Strukturen hat.
Was funktioniert: Harte Ausschlüsse. Wenn ein ETF kategorisch Waffen, Öl oder Kohle ausschliesst, dann sind diese Branchen wirklich draussen – unabhängig vom ESG-Rating. Aber: Die Strenge variiert massiv. «ESG Screened» behält über 90% der Unternehmen, «SRI» nur etwa 25%. Wenn dir Nachhaltigkeit wichtig ist, reicht ein minimaler Filter nicht.
Greenwashing ist überall
Studien zeigen: Die ESG-Ratings verschiedener Agenturen widersprechen sich massiv. Ein Unternehmen kann bei einer Agentur top abschneiden und bei einer anderen durchfallen. Warum? Weil jede Agentur andere Kriterien und Gewichtungen hat (Berg et al. 2019/2022).
Konkretes Beispiel: Der «iShares MSCI World Screened» enthält über 1’200 Unternehmen. Zum Vergleich: Der normale MSCI World hat 1’322. Ist das ein radikaler Ausschluss?
Weit oben dabei: Amazon. Der Konzern verbraucht für sein Logistiknetzwerk enorme Mengen an fossilen Brennstoffen. Warum gelten sie trotzdem als nachhaltig? Weil sie CO2-Kompensationen kaufen und «Net Zero»-Ziele haben. Das Problem: Carbon-Credits sind kein Ersatz für echte Emissionsreduktion. Das ist, wie wenn du jeden Tag Fast Food isst, aber dafür jemand anderem ein Fitness-Abo bezahlst.
Dein Impact ist begrenzt
Wenn du Aktien oder einen ETF kaufst, erwirbst du sie in der Regel von einem anderen Investor. Es fliesst dabei kein neues Kapital ins Unternehmen. Wenn du jetzt denkst, dass dein Impact deshalb null ist: So einfach ist es nicht. Theoretisch kann der Mechanismus wirken: Wenn viele Investoren eine Branche meiden, sinkt die Nachfrage nach diesen Aktien. Das erhöht die Kapitalkosten – also wie teuer es für Unternehmen wird, an frisches Geld zu kommen. Höhere Kapitalkosten können langfristig strategische Entscheidungen beeinflussen.
Praktisch zeigen Studien: Der Effekt ist verschwindend klein. Selbst wenn eine grosse Mehrheit von Investoren mitmachen würde, verändert Divestment – also das Meiden bestimmter Aktien – Kapitalkosten nur um etwa 0,0044 Prozentpunkte (Berk & van Binsbergen, 2024). Zu wenig, um für Unternehmen relevant zu sein.
Warum ist das anders als etwa auf Flugreisen zu verzichten? Bei Flügen gibt es einen direkten Zusammenhang: Weniger verkaufte Tickets führen zu weniger Umsatz und damit irgendwann zu weniger Flügen. Bei Aktien funktioniert es anders: Das operative Geschäft lebt vom Umsatz, nicht vom Aktienkurs. Shell pumpt morgen noch Öl, egal ob die Aktie bei 30 £ oder 1 £ steht. Der Aktienkurs wirkt sich höchstens auf mögliche zukünftige Kapitalerhöhungen oder Übernahmen aus, nicht aber auf das Tagesgeschäft.
Wo ESG dennoch einen Hebel hat: Stewardship
Wo ESG-Investing eher funktioniert: Grosse Vermögensverwalter können über Stimmrechte Druck ausüben (Stewardship). Das kann Wirkung haben – aber auf institutioneller Ebene, nicht durch deine individuelle Anlageentscheidung. Immerhin: Die Wahl des Anbieters macht dabei einen messbaren Unterschied. Laut dem jährlichen Voting Matters-Bericht der NGO ShareAction stimmten europäische Asset Manager 2024 bei rund 80% der analysierten Umwelt- und Sozialresolutionen mit Ja – US-amerikanische Anbieter wie BlackRock, Vanguard oder State Street hingegen nur bei rund 20%. Morningstar-Daten zeigen das noch deutlicher: Die 15 grössten europäischen Fondsanbieter unterstützten solche Anträge im Schnitt zu rund 96%, die 20 grössten US-Anbieter nur zu 31%. Amundi belegt in diesem Ranking den ersten Platz, BNP Paribas Asset Management den zweiten. Wer möglichst konsequent investieren will, ist mit europäischen ETF-Anbietern wie Amundi, Xtrackers oder BNP Paribas besser aufgestellt als mit US-amerikanischen – vorausgesetzt, der ETF ist physisch replizierend. Bei Swap-basierten ETFs hält der Anbieter die Aktien nicht direkt und kann entsprechend keine Stimmrechte ausüben; dieser Vorteil entfällt dann.
Die unangenehme Frage: Und was ist mit dir selbst?
Dein CO₂-Fussabdruck hat eine direkte Wirkung auf eine nachhaltige Zukunft. Ein Transatlantikflug entspricht etwa 1,5 Tonnen CO₂. Es bringt wenig, nicht in Shell zu investieren, wenn du täglich einen Verbrenner fährst. Ernährung, Mobilität, Konsum: das sind Bereiche, wo du direkt und messbar ansetzen kannst. ESG-Investing kann ein sinnvoller Ausdruck deiner Werte sein – aber wenn du echten Impact willst, ist dein Alltag die wirksamere Stellschraube.
Das heisst nicht, dass ESG-Investing komplett sinnlos ist. Aber ein nachhaltiges Portfolio ersetzt kein nachhaltiges Verhalten.
Persönliches Fazit: Was nun?
Wenn dir Nachhaltigkeit beim Investieren wichtig ist, dann mach es richtig. Filtere nicht einfach nach ESG-ETFs und wähle den erstbesten. «ESG Screened» mit minimalen Ausschlüssen ist Marketing, kein Impact. Prüfe genau, was drin ist, und such dir ETFs mit klaren, harten Ausschlusskriterien – wie die SRI- oder PAB-Varianten, die weiter oben beschrieben sind. Achte auch auf den Anbieter: Europäische Fondsgesellschaften stimmen nachweislich nachhaltiger ab als US-amerikanische.
Einen perfekten Mix aus nachhaltigen Firmen wirst du nicht finden. Best-in-Class bedeutet immer Kompromisse, und selbst die strengsten Filter lassen diskutable Unternehmen durch. Aber: Es ist besser als nichts, und für manche ist es wichtig, zumindest die schlimmsten Branchen nicht im Portfolio zu haben.
Und vergiss nicht: Dein Alltag ist die einfachere Stellschraube. Wie oft fliegst du? Wie lange trägst du deine Kleider? Wie bewegst du dich fort? – Das sind die Bereiche, wo du messbaren Impact hast.
ESG-Investing ist kein Ablasshandel fürs Gewissen. Es ist ein Werkzeug mit Grenzen – und wenn du es einsetzt, dann mit Verstand.
Konkrete ESG ETFs
Möchtest du in nachhaltige ETFs investieren, findest du bei JustETF 241 Resultate. Nachfolgend sind Beispiele für ETFs, die meiner Meinung nach die strengsten Kriterien haben. Aber entscheide für dich selber, wie stark du mit deinem ESG-Investment filtern möchtest. Wie wir gesehen haben, gibt es Stufen von «immerhin die schlimmsten 5% raus» bis «schon fast ein gutes Gewissen».
Industrieländer: Amundi MSCI World SRI Climate Paris Aligned (IE000Y77LGG9)
Der MSCI World SRI Filtered PAB hat die strengsten Kriterien von MSCI. Im ETF sind Unternehmen, die im Vergleich mit der Konkurrenz aus ihrem Sektor über ein hohes ESG-Rating verfügen. Ausgeschlossen sind Unternehmen, die wesentliche Teile ihres Geschäfts in nicht nachhaltigen Geschäftsbereichen erwirtschaften. Darüber hinaus finden EU-Richtlinien zum Klimaschutz Berücksichtigung.
Amazon, Microsoft oder Tesla sind hier nicht dabei. Problem: Teilweise Best-in-Class, also nicht unbedingt ein definitiver Ausschluss, wenn die Branche selber problematisch ist.
Schwellenländer: Amundi MSCI Emerging Markets SRI Climate Paris Aligned (LU1861138961)
Dieselben Kriterien wie beim MSCI World SRI Climate Paris Aligned, aber für Schwellenländer.
All-World: UBS MSCI ACWI Socially Responsible (IE00BDR55471)
Ausgangsindex ist der MSCI ACWI, also sehr breit diversifiziert über Industrie- und Schwellenländer. Von den rund 2’500 Unternehmen verbleiben noch 562, schliesst also relativ stark aus. Trotz «Best-in-Class» Ansatz hat er harte Ausschlüsse bei kontroversen Waffen oder fossilen Brennstoffen.
Wenn du mit einem ETF die ganze Welt abdecken möchtst, ist das in meinen Augen eine gute Wahl, wenn auch etwas legèrer als der SRI Filtered PAB.
All-World: Xtrackers MSCI AC World Screened (IE00BGHQ0G80)
Ausgangsindex ist ebenfalls der MSCI ACWI, aber mit weniger strengen Filtern wie der von UBS. Er enthält noch rund 1’700 Firmen. Trotzdem sei er an dieser Stelle erwähnt, da Xtrackers (DWS) im Voting Matters Bericht 2024 gut abgeschnitten hat – besser als die UBS. Wem Stewardship wichtig ist, kann also mit gutem Gewissen auf diesen ETF setzen, im Wissen, dass vermutlich trotz ESG einige problematische Firmen enthalten sind.